LTE-Geschwindigkeitsdrossel – ein Anachronismus

Deutschland einig Internet-Neuland. Wo in Städten die meisten Bewohner eine reiche Auswahl verschiedener Internet-Zugangstypen und -Anbieter haben, regiert schon wenige Kilometer vor der Stadtgrenze oft die LTE-Monokultur. Sogenannte „ländliche Gegenden“, teilweise aber eben auch ganz normale Orte mit nicht immer unbedingt niedrigen Einwohnerzahlen, werden von den Telekommunikationsunternehmen nicht oder nur widerstrebend mit neuen Verteilern und Kabeln ausgestattet. Eine Rechenaufgabe – sind zu wenig potentielle Kunden vorhanden, muss der Rest halt darben. Übrigens: Am teuersten sind bei der Erschließung neuer Internet-Ortschaften die Erdarbeiten. Diese könnten wunderbar mit eh regelmäßig stattfindenden Erdarbeiten beispielsweise für die Erneuerung der Wasserrohre oder anderer Verkabelungen erledigt werden. Anstatt dass der Gesetzgeber hier aber eine verpflichtende Mitnutzungs-Regelung einführt, wird lieber die Straße dreimal aufgebuddelt. Und eben kein viertes mal für den Internetzugang. Dumm.

Wer kein Glasfaserkabel oder wenigstens einen nahe gelegenen DSLAM (die grauen Verteilerkästen am Straßenrand, je weiter entfernt, desto langsamer das DSL) bekommt, muss dann eben mit den beiden einzigen Alternativen leben: LTE oder Satelliten-Internet.

Letzteres mag für kleine Dörfer in abgelegenen Dritte-Welt-Ländern halbwegs geeignet sein, für die Ansprüche deutscher Digital-Ureinwohner jedoch sind weder ein Ping von 800-1200 ms noch die stark drosselnden „Speed-Slots“ eine Alternative. Speed-Slot? Ja, wer das Internet nutzt wie vorgesehen, wird als Poweruser eingestuft und teilt sich die niedrige Gesamt-Bandbreite fortan mit anderen Verurteilten Powerusern. Was zu einer quasi-unbenutzbarkeit des Dienstes führt. Im Selbstversuch kam ich nur selten auf mehr als 2 bis 3 Kilobit pro Sekunde (!).  Und das im teuersten Tarif, da der mehr Geschwindigkeit versprach. Denkste.

Bleibt nur noch LTE. Von der Telekom und der Regierung als Wundermittel gegen weiße Internet-Abdeckungsflecken angepriesen, als DSL via Funk beworben soll die Funktechnik bis zu 100 Megabit pro Sekunde über die Antenne bringen. Juhu! Das ist schneller als das Dortinternet in der Nachbarstadt mit seinen 6 Megabit, sogar schneller als im Glasfaser-versorgten Nebendorf und laut Papier genauso schnell wie die Kabelanschlüsse der fünf Kilometer entfernten Dorfbewohner.

Theoretisch, denn LTE ist ein Shared-Medium, es teilen sich also alle Nutzer die Maximalgeschwindigkeit einer Funkzelle. Da werden dann aus 100 Mbit/sek schnell wieder nur 10 Mbit/sek. Aber was solls, besser als nichts. Oder?

Doch, denn die tolle Maximalgeschwindigkeit, selbst wenn sie im Alltag deutlich niedriger ausfällt als beworben, ist nur Augenwischerei und gilt nur für einen winzigen Bruchteil des Abrechnungsmonats. Der Trick nennt sich Inklusiv-Volumen und ist Smartphone-Nutzern wohl bekannt. Nach einer gewissen Menge Internet wird die Leitung auf kaum nutzbare Geschwindigkeiten gedrosselt.

Beim Telekom-LTE sind das maximal 30 Gigabyte im Monat. Die hat man mit einer theoretisch auf Fullspeed laufenden 100er-Leitung in sehr kurzer Zeit aufgebraucht. Etwas mehr als eine halbe Stunde, um genau zu sein.

Eine halbe Stunde. Lasst euch das auf der Zunge zergehen. Bei einem Vertrag für 69,99 Euro im Monat (Online-Sparangebot: ab 49,99 Euro) darf der Nutzer eine halbe Stunde im Monat mit hoher Geschwindigkeit surfen, dann wird sein Anschluss auf 384 Kilobit pro Sekunde gedrosselt. Was in der aktuellen Zeit „fast unbenutzbar“ bedeutet. Eine halbe Stunde. Für 70 Euro.

Wer mehr schnelles Internet braucht, der kann bei der Telekom „SpeedOn“ buchen. Das kostet 14,99 Euro extra und setzt das Volumen quasi zurück (wer also im L-Vertrag 30 Gigabyte im Monat bekommt, darf erneut 30 Gigabyte für knapp 15 Euro versurfen. Wer aber nur 10 Gigabyte inklusive hatte, bekommt auch nur 10 Gigabyte. Für ebenfalls 15 Euro, versteht sich). Das ist schon großzügig, bis vor kurzem waren es 10 Gigabyte pro SpeedOn-Buchung, egal in welchem Vertrag der Home-LTE-Nutzer steckte.

Großzügig. Sicher. Ändert aber nichts daran, dass das Internet nach einer Drosselung so gut wie unbenutzbar ist. Klar, vor 15 Jahren reichten 384 Kilobit pro Sekunde noch aus um zu surfen. Da waren Webseiten aber auch etwas schlichter gestaltet als heute. Da gabs keine HD-Filme auf Youtube, kein Netflix, Watchever und Amazon Instant Video. Zur Verdeutlichung: Surft in diesem Hause jemand bei gedrosselter Leitung im Internet, ist es nicht mehr möglich, Webradio ohne Stocken zu hören. Einige Mailanbieter kommen mit der technischen Umsetzung der Drossel ebenfalls nicht klar  und weigern sich, Post auszuliefern. Toll! An Arbeiten ist in Drossel-Zeiten eh nicht zu denken.

30 Gigabyte im Monat, das klingt doch fair. Oder nicht? Dröselt das aber mal auf – das ist ein Gigabyte pro Tag. Zur Verdeutlichung: Gestern nacht hatte ich noch etwas mehr als ein Gigabyte freies Volumen über. Heute früh kurz nach dem Aufstehen war es weg. Futsch, verschwunden. Warum? Weil irgendein Gerät hier im Haus, obwohl explizit verboten, heimlich ein Update von irgendwas gezogen hat. Nun kann man natürlich jeden Abend die Elektronik komplett vom Strom trennen, sonderlich realistisch ist das aber nicht.

Und hier kommt der Anachronismus: LTE-Nutzer surfen nicht nur anders (kein Youtube, keine großen Bilder, Cloudspeicher sind tabu, etc), sie verzichten auch aus Not auf wichtige Updates. Und das, wo jeder weiß, wie wichtig Updates für die Systemsicherheit sind. 500 MByte Windows-Updates? Keine Chance, lässt das Volumen nicht zu. Neuer Grafiktreiber? Geschenkt, 250 MByte sind zu viel. Sicherheitsupdates, naja vielleicht wenns noch passt. Fernseher zieht neue Firmware? Argh! Spielekonsolen? Keine Chance, alleine die Day-1-Patches neuer Spiele fressen einen großen Teil des Volumens. Streaming von Filmen? Gelächter. Smartphone-Updates? Wie denn, verdammt?

LTE-Nutzer erkennt man übrigens daran, dass sie, sobald sie ein offenes WLAN finden, wie ein verdurstender alle Updates laden, die offen sind. Und das sind viele. Beim letzten mal hatte ich 20 Gigabyte offen, auf Tablet, Smartphone, Notebook. Nur Updates, gesammelt in ein paar LTE-Monaten.

Und jetzt zum auf-der-Zunge-zergehen-lassen: Solche Drosseln stehen auch DSL-Nutzern bevor. Oder meint ihr, die Telekom wird darauf verzichten, nachdem sie die Drosseln vor einiger Zeit bereits angekündigt haben? Bei DSL werden zwar größere Inklusiv-Volumina dabei sein, viel ändern tut das aber nichts. Das Internet verändert sich – aus HD wird 4K, aus 32 Kilobit-Webradio wird FLAC. Fotos werden nicht kleiner, Webseiten ebenso nicht. Videodienste dürften dann nur noch mit dem Fallen der Netzneutralität überleben können – wenn die Anbieter also mit einem Dienst kooperieren und sein Volumen herausrechnen. Wollen wir das?

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3 comments so far

  1. computerfuzzi on

    Da niemand antworten mag: Nein, wollen wir nicht. Nur mal so als Anregung.

  2. Zille on

    Nein, wollen wir nicht 😉

    Aber ich dachte, das wäre eine rein rethorische Frage gewesen. 😛

    • computerfuzzi on

      Rhetorik gibts nich wenn ich auch mal Kommentare lesen mag 🙂 .


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