Abschlussbericht Projekt Exodus

Ein entschlossenes Team, ein ausgemusterter Zerstörer, viele spannende Ideen im Kopf und eine Förderung von der Bundeszentrale für politische Bildung in der Hinterhand – bei Projekt Exodus konnte eigentlich nichts mehr schief gehen. Das ambitionierte Liverollenspiel mit Bildungshintergrund fand Anfang Februar in Wilhelmshaven statt und war tatsächlich ein Erfolg. Für die Teilnehmer genauso wie für die Veranstalter vom basa e.V., den Waldrittern und zahlreichen freien Mitarbeitern. Ich war auch dabei und bin stolz auf das, was wir da geschaffen haben. Es war ein einmaliges Erlebnis, sowohl für uns Organisatoren als offenbar (Gesprächen zufolge und dem glücklichen Grinsen in den Gesichtern der anderen) auch für die Teilnehmer.

BU3A3010

 

Gut 80 Menschen eine ausführliche Rollenbeschreibung in die Hand geben, sie ins Innere eines als Raumschiff umdekorierten Zerstörers stecken und nach einer groben Rahmenhandlung schauen, wie sich die Situation so entwickelt. So ließe sich mit wenigen Worten das Konzept von Projekt Exodus erklären – natürlich war es dann doch etwas umfangreicher und besser ausgearbeitet. Nichtsdestotrotz, das „Sandbox“-Liverollenspiel hat funktioniert.

Der größte Feind des Menschen..

BU3A3728„Ich weiß ganz genau was ihr Ha’la’tha-Gauner vorhabt und ihr werdet damit nicht durchkommen solange ich lebe!“ – Worte, die man einem Mafiaboss besser nichts ins Gesicht spucken sollte, auch wenn die Wut noch so groß ist. An Bord der Hesperios, dem abgehalfterten Frachtraumschiff von Projekt Exodus, fanden sich zahlreiche recht unterschiedliche Gruppierungen ein. Das Schiff war gerade auf dem Rückweg von einer zwielichtigen Mission in verbotene zylonische Gebiete, als der Funkraum eine Nachricht von der Rettungskapsel eines Luxus-Kreuzfahrtschiffes empfing. 34 Personen konnten sich nach einem Angriff auf das Schiff retten und wurden vom freundlichen Kapitän Hal O’Conner an Bord der Hesperios untergebracht. Die Wissenschaftler von Vergis, einem Technologieunternehmen, das angeblich auch die Finger bei der Erfindung der ersten Zylonen im Spiel hatte und die ganze Bereiche der Hesperios gechartert hatten, waren damit nicht unbedingt glücklich. Angesichts der illustren geretteten Gesellschaft, verging allerdings auch der Frachtschiffcrew schnell das Lachen: abgehalfterte Sportstars, ehemalige Filmsternchen, ein Mitglied des Zwölferrates mitsamt Stab, ein leicht reizbarer Kameramann und eben auch der bereits erwähnte Ha’la’tha-Anführer inklusive Gefolge sorgten für nicht immer positive Abwechslung an Bord.

BU3A3638Das gegenseitige Beschnuppern dauerte nicht lange an – bald schon vermeldete der Funkraum die Kontaktaufnahme mit einem militärischen Shuttle vom Kampfstern Pegasus. Die Soldaten dockten an und nahmen professionell-unfreundlich mit gezogenen Waffen sowohl die Brücke als auch den Funkraum ein und verlangten die Herausgabe der Vergis-Wissenschaftler. Und als wäre das nicht schon genug Schlamassel für einen Tag, griffen just bei der Ankunft der Hesperios beim Flottenkommando auf Picon die Zylonen die Kolonien der Menschen an.

Die Miniserie des 2003er-Reboot von Battlestar Galactica erklärt, was sich auf den Kolonien abspielte: Die Menschheit wurde fast vollständig vernichtet, die Zylonen waren nun Herrscher über die Planeten. Einzig die Galactica und ein Tross ziviler Raumschiffe konnten entkommen. Was die Serie allerdings nicht zeigte: Der Hesperios gelang ebenfalls die Flucht. Erwähnte ich schon, dass der Kapitän der Hesperios sein Schiff nicht kampflos an das Militär übergeben wollte und schon beim Ziehen seiner Waffe erschossen wurde?

Ein Schiff auf der Flucht vor dem übermächtigen Feind, drohender Nahrungs- und Treibstoffmangel und das langsam einsetzende Gefühl, die letzten Überlebenden der Menschheit zu sein. Wie reagieren die Menschen auf eine solche Situation? Raufen sie sich zusammen weil sie eine gemeinsame Aufgabe haben? Spannende Fragen. Spoiler: Die Menschheit schafft es immer, sich auch ohne Zylonen auszurotten. Projekt Exodus hätte es fast bewiesen.

Episodenguide

Zerstörer "Mölders" aka Frachter "Hesperios"

Zerstörer „Mölders“ aka Frachter „Hesperios“

In insgesamt vier Episoden zu je 8 bis 10 Stunden Spielzeit lernten die Teilnehmer die Hesperios als Heimat kennen. Und auch wenns eiskalt war auf dem Schiff – gerüchteweise sollte der Vergis-Auftrag genug Geld für eine Reparatur der Heizungsanlage einbringen – nach kurzer Zeit fühlte man sich mit der Hesperios verbunden. Das stete Wummern der Maschinen (eingespielt über die auf dem Schiff verteilte und per Teamspeak verbundene Lautsprecheranlage), regelmäßiger Alarm wenn die treue Crew auf der Brücke wieder unser aller Leben rettete, die engen Gänge – ja, man kann ein Schiff liebgewinnen.

Die Dramatik steigerte sich von Episode zu Episode. So sah das Regelwerk vor, dass schwere Verletzungen erst in den späteren Episoden möglich sind, der Tod sogar (von absichtlich dummen Aktionen abgesehen) erst in der finalen Episode. Und so spitzten sich die Konflikte unter den Spielern immer weiter zu um sich in den letzten Stunden massiv zu entladen.

BU3A3832

Die Spieler hatten im Vorfeld ausgearbeitete Charakterbögen bekommen. Mit Beziehungen untereinander, Feindschaften, Abneigungen aber auch Freundschaften und Liebe. Im Spiel traf die Crew der Hesperios mitsamt der zwielichtigen Vergis-Auftraggeber auf eine Rettungskapsel eines Luxusraumschiffes. Laut den Überlebenden wurde die Sun Chariot von Zylonen geentert, nur 34 Leute konnten fliehen und fanden auf der Hesperios Rettung. Kurz darauf dann das Enterkommando des Militärs – und dann der Zylonenangriff auf die Kolonien. Die Hesperios mitsamt ihrer vier recht unterschiedlichen Fraktionen an Bord war auf der Flucht.

BU3A2652Zylonen brauchte es fortan keine mehr um die Menschheit zu dezimieren. Zwar brachte Vergis einen zylonischen Hybriden ins Spiel, dieser wurde allerdings von vielen Teilnehmern verehrt statt gehasst. Obwohl er sich ins Computersystem hackte und immer wieder FTL-Sprünge ohne Ankündigung durchführte. Dumm wenn einer der Techniker während eines solchen Sprunges noch neben dem Reaktor steht..

Ha’la’tha, Militär, Freiheitskämpfer, Hesperios-Crew, Vergis – niemand war sich wirklich grün. Trotzdem immer wieder Versuch, Ordnung ins Chaos zu bringen. Eine Präsidentschaftswahl abzuhalten beispielsweise. Ein skurriles Gefühl wenn dabei überall stark bewaffnete Militärs herumstehen, sonderlich frei wirken Wahlen unter diesen Umständen nicht. Knifflig auch eine Wahlrede zu halten, während eine Gruppe Menschen sich die letzten Ambrosia-Vorräte einverleibt und besoffen herumbrüllt.

Kalt aber oho

Die Hesperios brach unterdessen immer mehr auseinander – Treibstofflecks, Strahlungslecks, Hüllenbrüche, all das wurde Alltag. Die Nahrung wurde knapp, sogar der Steckrübeneintopf musste rationiert werden. Hier übrigens ein Stilbruch – das Essen war für die Situation viel zu gut, vielen Dank dafür an das Laarnis in Wilhelmshaven für das vorbildliche Catering!

Besonders zwischen Militär und dem organisierten Verbrechen knisterte es. Geiselnahmen, Drohungen, Folter und Mordanschläge waren die Folge. Und auch wenn alles nur ein Spiel war – wenn direkt vor einem jemand überraschend eine Pistole zieht und der Person hinter der man steht zweimal in die Brust feuert, dann fühlt sich das verdammt echt und bedrohlich an.

Der Angeschossene war übrigens der Chef der Ha’la’tha und er hatte glück, dass das Attentat noch in einer frühen Episode stattfand. Gestorben ist er dann trotzdem, durch die Waffe des gleichen Soldaten, der ihn zuvor niedergeschossen hat. Auch der Marine ließ dabei sein Leben, getötet von seinem Vorgesetzten im darauf folgenden Schusswechsel.

BU3A2843Projekt Exodus war durchgehend spannend und bedrohlich. Die Gefühle waren echt, obwohl es nur ein Spiel war. Wenn es Gerüchte gibt, im Passagierraum hätte es eine Schießerei mit vielen Toten gegeben, dann bangt man automatisch um Freunde, die man lange nicht gesehen hat. Und tatsächlich starb dabei ein guter Freund meines Charakters. Zwei weitere erwiesen sich als erschreckend einsilbig. Im Nachhinein kein Wunder, handelte es sich bei denen doch um verkappte Attentäter – das hätten die aber auch mal sagen können vorher..

Während der Episoden spielten sich viele filmreife Szenen ab. Selbst gute Kinofilme erreichen nicht die Spannung der finalen Auseinandersetzung auf der Brücke der Hesperios. Rettung schien nah und erwies sich dann doch als trügerische Hoffnungslosigkeit. Militärangehörige legten ihre Uniform nieder und verzichteten auf die Rettung angesichts der abartigen Macharten ihrer Vorgesetzen: Die Hesperios traf auf den Kampfstern Pegasus, Hoffnung machte sich breit. Doch dann der Funkspruch, es sollen sich das Militär und die Regierungsangehörigen zur Evakuierung bereithalten, ein Team der Pegasus würde zudem den FTL-Antrieb der Hesperios ausbauen. Ausbauen? Keine Rettung, blanker Verrat an der Menschlichkeit. Da ist es schon fast schade, dass der finale FTL-Sprung, heimlich während eines tödlichen Feuergefechtes auf der Brücke in den Computer eingegeben, nicht geklappt hat wie geplant: Der Sprung sollte die Hesperios mitten in den Kampfstern befördern.

„Ihr wollt unseren FTL? Hier ist unser FTL!“

Advertisements

3 comments so far

  1. Martin8703 on

    Hört sich ja sehr spannend an. Hut ab!

    • computerfuzzi on

      Es war mehr als nur spannend 🙂 . Sowohl die Organisation als auch das Spiel selbst.

      • Roxie on

        We need a lot more inishgts like this!


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: